Bis hierhin und nicht weiter

Von einem kleinen „Ja, aber …“, klaren Grenzen und ziemlich viel Freiheit

Letztes Wochenende war ich mit Fin auf einem Seminar über hündische Kommunikation. Mit meinem Goldprinzen Fin - Zweieinhalb Jahre alt und irgendwo zwischen „Ich hab das Leben verstanden“ und „Moment, ich überprüfe das sicherheitshalber noch einmal selbst.“

Eigentlich war ich gekommen, um Fin beim Kommunizieren zuzusehen. Dass ausgerechnet ich am Ende wieder einmal die größere Hausaufgabe mit nach Hause nehmen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. 😉

Das Besondere an diesem Seminar ist, dass Hunde miteinander tatsächlich ins Gespräch kommen dürfen. Nicht im Sinne von „Alle Leinen los und schauen wir mal, was passiert“, sondern in sorgfältig ausgewählten Begegnungen und einem sicheren Rahmen. Dabei wird beobachtet, welche sozialen Werkzeuge ein Hund bereits im Gepäck hat: Kann er Ruhe herstellen und wieder lösen? Versteht er die Signale seines Gegenübers? Kann er Grenzen wahrnehmen – und selbst welche setzen? Und was passiert, wenn die erste höfliche Bitte beim Gegenüber ungefähr denselben Effekt hat wie eine ungelesene WhatsApp-Nachricht?

Am ersten Tag wurden die teilnehmenden Hunde anhand der drei Trainerhunde eingeschätzt und am zweiten Tag wurden die Gespräche in unterschiedlichen kleinen Konstellationen mit den Teilnehmerhunden weitergeführt. Begleitet von geschulten Augen, die gefühlt jedes Ohrenzucken, jeden Blick und jedes halbe Gramm Gewichtsverlagerung wahrnehmen. Und genau das mag ich an diesem Seminar: Die Hunde dürfen ausprobieren, antworten, Grenzen setzen und auch einmal deutlicher werden – aber begleitet und nicht sich selbst überlassen, denn Kommunikation darf durchaus lebendig sein und dennoch muss sie nicht gleich in einer unmoderierten Podiumsdiskussion enden.

Wenn ein Nein, einfach ein Nein sein darf

Dass Fin fantastisch ist, habe ich ja bereits das eine oder andere Mal völlig objektiv festgestellt. 😉 Natürlich hatte er auch vor diesem Wochenende schon viele Hundekontakte. Große Hunde, kleine Hunde, laute, leise, verspielte, unsichere, souveräne – und vermutlich auch ein paar, bei denen irgendwann die Bedienungsanleitung verloren gegangen ist. Was mir bisher aber ein wenig gefehlt hatte, war die Möglichkeit, Fin eine Grenze auch einmal wirklich zu Ende kommunizieren zu lassen.
Nicht nur ein vorsichtiges „Ähm … könntest du eventuell …?“,
sondern auch einmal ein deutliches:
„Nein. Wirklich nicht.“
Er durfte brummeln, sich groß machen und Raum einfordern. Und wenn sein Gegenüber die erste freundliche Mitteilung großzügig überhört hatte, durfte er auch einmal deutlicher werden. Genau dabei merkte ich, wie ungewohnt sich das für mich anfühlte. Denn diese Formen der Kommunikation sehen wir Menschen häufig nicht besonders gerne. Ein Knurren? Bitte nicht. Sich groß machen? Oh Gott. Ein deutliches Abweisen? Schnell unterbrechen. Wir wünschen uns sozial kompetente Hunde – aber bitte mit Kommunikationsformen, die auch bei Tisch mit der Schwiegermutter funktionieren würden.

Dabei ist ein Nein zunächst einmal genau das: eine Information. Und wenn ein leises Nein nicht gehört wird, muss ein soziales Wesen manchmal deutlicher werden. Das kennen wir selbst doch ziemlich gut, oder? 😉
Während des Seminars gab es noch eine andere Beobachtung, die bei mir hängen blieb. Die Hunde der Seminarleiterin waren in einem Außenbereich unweit des Kommunikationsplatzes untergebracht. Ihr Rüde begann jedes Mal zu bellen, sobald eine bestimmte Hündin aus seinem Rudel zu einer Begegnung geholt wurde. Mein erster Gedanke wäre vermutlich gewesen: Der will hin. Frust. Aufregung. Mitmachen.

Die Erklärung der Seminarleiterin überraschte mich. Der Rüde kannte diese Hündin und ihre Art der Kommunikation sehr genau. Er wollte hin – aber nicht einfach, weil er aus Spaß mitmachen wollte, sondern weil er aus Erfahrung wusste, dass sie aufregende Situationen nicht gut geregelt bekam und dadurch noch mehr Unruhe entstehen konnte. Sein Bellen bedeutete aus Sicht der Seminarleiterin also eher:
„Sie schafft das nicht alleine. Diese Situation muss ich mitregeln.“
Seine oberste Prämisse war es also wieder Ruhe herzustellen und wäre er direkt bei dem Gespräch dabei gewesen, hätte er dafür all jene Möglichkeiten genutzt, die ihm als Hund zur Verfügung standen – beobachten, begrenzen und wenn nötig, auch einmal eingreifen und deutlicher werden.

Genau das blieb bei mir hängen: Er mischte sich nicht ein, um noch mehr Aufregung hineinzubringen – ganz im Gegenteil: Es ging ihm darum, wieder Ruhe herzustellen.
Plötzlich war ich gedanklich bei Fin: Bei all diesen Momenten, in denen mein Goldprinz vor lauter Aufregung ein hirnlos durch die Gegend schießt und offenbar spontan die Verantwortung für sämtliche Vorgänge im Umkreis von mehreren hundert Metern übernimmt. Hund da. Katze dort. Geräusch hinten. Geruch vorne.
MAMA! ICH KÜMMERE MICH! - Danke, Schatz. Genau davor hatte ich Angst. 😉

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Fins Aufregung eben nicht nur Fin betrifft. Sie verändert auch mich. Meine Aufmerksamkeit, meine Körperspannung, meine Entscheidungen – und manchmal die ganze Situation. Andere Hunde reagieren auf ihn, ich reagiere auf ihn, er wiederum auf mich und ehe man sich versieht, haben alle miteinander etwas zu regeln, das zwei Minuten vorher noch gar kein Problem gewesen wäre.
Unruhe bleibt selten bei einem allein und Ruhe übrigens auch.
An diesem Wochenende durfte Fin mit ganz unterschiedlichen Hunden erleben, wie soziale Kommunikation aussehen kann. Manche Gespräche waren ruhig, andere dynamisch, manche verspielt und manche ziemlich deutlich. Er durfte ausprobieren, Nein sagen und selbst ein Nein aushalten und dabei erfahren, das auch bei mir hängen blieb:

Eine Grenze beendet nicht zwangsläufig eine Beziehung,
sondern schafft erst die Klarheit, die es braucht, um sich miteinander sicher zu fühlen.

Fin musste nicht jedes unangenehme Gefühl wegfiddeln und aus jeder kleinen Spannung sofort ein lustiges Sozialevent veranstalten. Er durfte stehen bleiben, wahrnehmen, antworten – und wieder loslassen. Und an beiden Abenden lag er zuhause und schlief tief und ruhig. Nicht dieses Stressdösen, bei dem der Körper zwar schon Feierabend hat, das Nervensystem aber offenbar noch Nachtschicht schiebt, sondern mit zuckenden Pfoten und diesem zufriedenen Labrador-Gesicht, bei dem man ziemlich sicher sein kann: Im Oberstübchen werden gerade noch ein paar Akten einsortiert. Es war anstrengend gewesen, aber nicht zu viel. Genau richtig.

Der kleine „Ja, aber …“ und der Watschenbaum

Am Ende des zweiten Tages fragte ich die Seminarleiterin, wie sie Fin einschätzen würde und was ich tun könne, um ihn in seiner weiteren Entwicklung gut zu unterstützen. Ihre Antwort war liebevoll – und ziemlich eindeutig. Sinngemäß sagte sie:

Du hast da einen wunderbaren Kerl an deiner Seite, der schon jetzt ziemlich gut durchs Leben kommt. Aber pass gerade in der nächsten Zeit, bis er sozial und geistig wirklich erwachsen ist, ein bisschen darauf auf, dass er sich nicht unnötig in die Scheiße manövriert. Fin ist nämlich ein kleiner „Ja, aber …“. Einer, der durchaus versteht, der nachfragt, ausprobiert und eine Grenze sicherheitshalber noch einmal darauf überprüft, ob sie heute, am Freitag, bei leichtem Westwind und diesem speziellen Gesichtsausdruck meinerseits tatsächlich immer noch gilt. Kurz gesagt: Einer, der gelegentlich recht beherzt am Watschenbaum rüttelt und anschließend überrascht nach oben schaut. 😉

Ihre Empfehlung war deshalb ziemlich simpel:
Fin dürfe lernen, sich auch einmal zurückzunehmen und auch die Grenzen seines Gegenübers wahrzunehmen und diese zu respektieren.
Und genau da begann es in meinem Kopf zu arbeiten. Ich hatte gerade zwei Tage lang erlebt, wie gut es Fin tat, selbst Grenzen setzen zu dürfen. Aber ich hatte genauso gesehen, dass es ihm guttat, wenn auch sein Gegenüber Grenzen setzte. Nicht als Strafe, sondern als Information. Und plötzlich tauchte eine ziemlich unbequeme Frage auf:

Was, wenn ich durch meine eigenen manchmal sehr weichen, verwaschenen Grenzen mehr Unruhe in unser gemeinsames System gebracht hatte, als mir bisher bewusst war?

Mein Fokus im Training lag lange sehr stark darauf, das Gute zu sehen und zu verstärken. Gute Entscheidungen lohnenswert zu machen, Alternativen anzubieten, Situationen zu managen und unerwünschtem Verhalten möglichst wenig Bühne zu geben. Und daran hat sich auch nichts geändert. Nur kam plötzlich etwas dazu. Denn ich fragte mich:

Bin ich verständlich genug, wenn ich unerwünschtes Verhalten einfach nicht beachte?

Wenn Fin wissen soll, welches Verhalten sich lohnt, braucht er ein Ja, eine positive Rückmeldung, ein „Genau das!“ Aber braucht er nicht manchmal genauso ein „Nein. Das möchte ich nicht. Lass das.“?
Nicht böse. Nicht bedrohlich.
Dazu braucht es nicht einmal viel Lautstärke, sondern "nur" Klarheit.
Diese Grenzen erinnern mich an die Ufer eines Flusses. Sie begrenzen das Wasser – und geben ihm gerade dadurch Form, Richtung und Kraft. Ohne sie würde es sich verteilen, verlieren oder versickern. Viel Bewegung, viel Energie – aber kaum noch Kraft, die in eine Richtung fließt. Wir verwechseln Grenzen gerne mit Einschränkung und Freiheit mit möglichst viel Raum.

Dabei braucht gerade Freiheit Orientierung:
Hier kannst du dich bewegen. Hier darfst du ausprobieren. Und hier endet dein Raum.
Ein Fluss kämpft schließlich auch nicht ständig gegen sein Ufer. Er fließt daran entlang, mal ruhig, mal wild. Manchmal tritt er darüber – und findet aber auch wieder zurück.

Und wenn ich mir meinen Goldprinzen so anschaue, weiß ich ziemlich genau, wie so ein kleines Hochwasser aussieht:
Dann ist gibt es viel Labrador. Überall. 😉
Entscheidend ist nicht, dass er niemals über die Ufer tritt, sondern dass es verlässliche Ufer gibt, an denen er sich orientieren und zu denen er zurückfinden kann.

Bei diesem Gedanken blieb ich hängen: Denn wenn Fin meine Grenzen als Orientierung nutzen soll, müssen sie für ihn auch erkennbar sein. Nicht irgendwo ungefähr, je nach Tagesverfassung und persönlicher Belastbarkeit, sondern so, dass er weiß, woran er ist. Und plötzlich ging es gar nicht mehr nur um die Frage, warum Fin ein Nein manchmal so schwer annehmen konnte, sondern:

„Wie gut war ich selbst darin, eines auszusprechen?“

Das schwere Wörtchen „Nein“

Ich sage oft: Jedes Nein zu meinem Gegenüber ist gleichzeitig ein Ja zu mir selbst. - Klingt ja großartig. Fast druckreif. Blöd nur, wenn man es selbst nicht immer lebt. 😉

Jeder von uns weiß, dass wir Grenzen haben dürfen, nicht jede Bitte erfüllen und nicht jede Enttäuschung unseres Gegenübers verhindern müssen. Dass man freundlich sein und trotzdem Nein sagen kann. Tja, theoretisch... Praktisch kommt dieses kleine Wort bei vielen von uns mit erstaunlich viel Gepäck daher. Mit dem Wunsch, gemocht zu werden. Mit unserer Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Und manchmal mit alten Sätzen im Rucksack: Sei lieb. Mach keinen Ärger. Enttäusch niemanden. Nimm Rücksicht.

Irgendwann kann daraus eine ziemlich raffinierte innere Gleichung werden: Wenn es den anderen gut geht, bin ich sicher. Und dann steht da plötzlich jemand, dem unser Nein nicht gefällt. Er ist enttäuscht, traurig oder möglicherweise sogar sauer – und schon meldet sich das schlechte Gewissen:
War ich zu hart? Bin ich egoistisch? Hätte ich nicht doch …?
Hallo Schuldgefühl. Da bist du ja wieder. 😉

Also erklären wir unser Nein. Dann erklären wir die Erklärung, hängen noch ein „Tut mir leid“ dran, bieten drei Alternativen an – und haben unsere Grenze am Ende so liebevoll weichgespült, dass kaum noch etwas davon übrig ist.
Dabei finde ich einen Gedanken inzwischen tröstlich:
Ein unangenehmes Gefühl bedeutet nicht automatisch, dass meine Grenze falsch war. Manchmal zeigt es schlicht, dass ich etwas anders gemacht habe als bisher.

Wenn ich gewohnt bin nachzugeben, kann sich eine gesunde Grenze zunächst ziemlich falsch anfühlen. Nicht weil sie es tatsächlich ist – sondern weil sie einfach neu ist. Dieses Gefühl darf auch einfach eine Weile mitfahren, ohne gleich ans Steuer zu dürfen. Denn wenn ich meine Grenze jedes Mal zurücknehme, sobald mein Gegenüber enttäuscht ist, verhindere ich zwar kurzfristig dessen Frust – verlasse dafür aber jedes Mal ein kleines Stück mich selbst. Stört mich etwas und sage lange nichts dazu, gebe ich meinem Gegenüber auch keine Chance, meine Grenze zu erkennen – außer, er wäre Hellseher. 😉 Und wenn ich irgendwann doch explodiere, kommt mein Donnerwetter für ihn aus heiterem Himmel. Dafür muss ich allerdings zuerst selbst wissen, wo meine Grenzen überhaupt liegen. Was ist für mich in Ordnung? Was möchte ich nicht? Und an welchem Punkt merke ich: Das ist jetzt genug. Bis hierhin – und nicht weiter.
Und schon bekam ich die nächste Erkenntnis:

Grenzen setzen beginnt nicht beim Nein. Es beginnt damit, die eigene Grenze überhaupt erst einmal wahrzunehmen.

Genau das wollte ich ausprobieren und damit war die Idee für meine kommende Woche geboren:
Mein kleines Projekt
„Leave“ – Lass es.

Wie aus einem Wort eine Haltung wurde

Bevor ich euch aber von dieser Woche erzähle, ist mir eines wichtig: „Leave“ war kein Zauberwort, das plötzlich vom Himmel fiel und meinen Hund spontan dazu brachte, seine gesamte Persönlichkeit neu zu sortieren. 😉

Fin kannte das Signal. Ich hatte es zuhause kleinschrittig aufgebaut – zunächst mit Keksen in meiner Hand, später mit Keksen, die ich vor seine Füße warf. Die Botschaft dahinter war klar:
Das da ist gerade nicht für dich. Lass es sein.

Als das zuhause sicher saß, begann ich, diese Information zu generalisieren und nach und nach auf andere Situationen und Orte zu übertragen. Und ob dieses Signal nun „Leave“, „Stopp“, „Lass es“ oder „Holladiewaldfee“ heißt, ist dabei ziemlich nebensächlich. 😉 Das Wort ist nur das Etikett – entscheidend ist die gemeinsam gelernte Bedeutung dahinter.

Neu war in dieser Woche also nicht das Wort, sondern wie klar ich selbst damit wurde.
Ich wollte meine Grenze früher mitteilen, präsenter sein und nicht mehr warten, bis aus ein bisschen Aufregung bereits ein Labrador-Großereignis geworden war.
Die erste Gelegenheit dazu lieferte mir das Leben gleich am nächsten Morgen frei Haus. Irgendwo vor unserer Eingangstür musste kurz zuvor eine Katze gewesen sein. Fins Nase ging wie gewohnt an, der Körper spannte sich, die Rute ging nach oben und sein Gehirn begann vermutlich bereits mit einer PowerPoint-Präsentation über mögliche Aufenthaltsorte des verdächtigen Subjekts.

Ein ruhiges, aber sehr bestimmtes „Leave“ kam von mir. Diesmal nicht kurz nebenbei, sondern sehr präsent. Ich hielt meinen Blick bei Fin und wartete, bis ich wirklich merkte: Jetzt ist die Botschaft im Oberstübchen angekommen. Seine Körperspannung wurde weicher, er nahm sich zurück und war wieder ansprechbar. Erst dann gingen wir weiter. Dasselbe galt bei Hundebegegnungen und auch bei Hundefreunden, wenn ich merkte, dass seine Aufregung begann, ihn mitzureißen. Ich gab ihm also bereits früh die Information, sich zurückzunehmen, statt erst dann einzugreifen, wenn er gedanklich schon ganz woanders war.

Unsere Kommunikation wurde dadurch nicht ärmer, sondern differenzierter.

Ich sagte weiterhin Ja, bestätigte gute Entscheidungen, ließ ihn ausprobieren und gab ihm Raum. Aber ich begann ebenso selbstverständlich mitzuteilen, wenn etwas für mich nicht passte.

Und dann übertrieb ich es natürlich - Weil ich ich bin. 😉

Wenn etwas funktioniert, muss man es schließlich umgehend mit wissenschaftlicher Präzision rund um die Uhr betreiben. Also beobachtete ich Fin. Genau. Sehr genau. Sehr, sehr genau. Bis ich irgendwann feststellte, dass mein Hund zwar hervorragend zuhörte, dabei aber beinahe auf Pipi und Haufi vergaß. Herzlichen Glückwunsch, Sigrid - aus „mehr Orientierung“ war kurzfristig „SOKO Goldprinz – lückenlose Überwachung“ geworden.
Und damit lieferte mir mein Experiment gleich die nächste Erkenntnis frei Haus:

Klarheit ist nicht gleich Kontrolle. Eine Grenze soll Orientierung geben, nicht jeden Atemzug überwachen.

Also Blick weiter, Schultern runter, atmen. Fin durfte wieder Hund sein – und ich durfte trotzdem bei meinen Grenzen bleiben.

Mit der Zeit veränderte sich dadurch auch mein „Leave“. Aus meinem anfangs noch sehr präsenten und bestimmten „Leave“ wurde immer öfter eine ruhige, sanfte Information. Ich musste Fin nicht mehr mit meinem Blick festhalten, bis ich sicher war, dass meine Botschaft im Oberstübchen angekommen, unterschrieben und abgestempelt worden war. 😉 Ein leises „Leave“ reichte zunehmend – und Fin wusste trotzdem genau, was gemeint war.

Natürlich bin ich deshalb nicht plötzlich zum Zenmeister mutiert. 😉 Wenn aus dem Nichts ein großer Außenreiz auftaucht und mein eigenes Nervensystem kurz „HOLLADIEWALDFEE!“ ruft, kann auch mein „Leave!“ schon einmal eine Etage lauter ausfallen.

Klarheit hängt eben nicht an der Lautstärke. Entscheidend ist, dass Fin versteht, was ich meine.
Mitte der Woche wurde ich mutiger. Ich wählte bewusst Wege, die ich bisher eher gemieden hatte oder auf denen ich mich mit der Rollleine durch den Wald ziehen ließ, weil dort erfahrungsgemäß einiges los war: Wildgeruch, Wasser, bellende Hunde in einer Freilaufzone – kurz gesagt alles, was Fins inneren Veranstaltungskalender zuverlässig füllt. Schon beim Aussteigen aus dem Auto achtete ich darauf, nicht mit dieser hohen Aufregung loszugehen.

Je besser Fin mir zuhörte, desto mehr konnte ich ihm vertrauen.
Und je mehr ich ihm vertraute, desto mehr Freiheit konnte ich ihm geben.

Wir liefen viel ohne Leine. Dabei gab es eine einfache Regel: Hinter und neben mir durfte er sich in einem Radius von ungefähr zehn Metern bewegen, schnüffeln, markieren und all die wichtigen Hundedinge erledigen, über deren gesellschaftliche Relevanz wir Menschen offenbar noch immer nicht ausreichend informiert sind. Für diese Spaziergänge blieb der Raum vor mir vorerst tabu.

Und plötzlich lief dieser Hund einfach mit mir. Nicht am Bein klebend, nicht unter permanentem Kommando und nicht ständig kontrolliert, sondern frei innerhalb eines verständlichen Rahmens. Er schnüffelte, machte Pipi und wenn alles passte, ließ ich ihn einfach in Ruhe. Da waren sie wieder, meine Flussufer. Je klarer die Ufer wurden, desto mehr Raum bekam Fin dazwischen. Okay, „fließen“ ist bei einem zweieinhalbjährigen Labrador mit Wildgeruch ein ambitioniertes Wort. Nennen wir es kontrolliertes Strömen. 😉
Und dann kam der Hase...
Wir liefen gerade ein Stück ohne Leine, als er plötzlich direkt am Feldweg lag. Geduckt. Wartend. Einen Meter von uns entfernt. Ich sah den Hasen, der Hase sah uns und Fin sah den Hasen. Mein Gehirn hatte für den Bruchteil einer Sekunde vermutlich einen kleinen Systemabsturz.
„Leave. Komm mit.“

Ruhig und beinahe unspektakulär. Und Fin kam mit. Kein hektisches Rufen, kein Hinterherstarten, kein Drama. Wir gingen einfach weiter. Ich glaube, ich bin innerlich ungefähr zwölf Zentimeter gewachsen. 😉 Nicht, weil mein Hund „gehorcht“ hatte, sondern weil sich in diesem Moment etwas zeigte, das mir viel wichtiger war:

Wir konnten miteinander kommunizieren und einander zuhören, obwohl die Welt gerade etwas verdammt Spannendes zu bieten hatte.

Danach wurde wieder geschnüffelt, im Wasser gespielt, geblödelt und einfach Hund gewesen. Es gab Momente, in denen ich Orientierung gab – und ganz viele, in denen Fin einfach seinen Dingen nachging. Und genau das fühlte sich überraschend leicht an. Wir waren am Abend müde, aber nicht erschöpft. Nicht dieses „Bitte heute keine einzige Entscheidung mehr“-müde, sondern angenehm zufrieden. Offenbar kostete uns Klarheit weniger Energie als ständiges Neuverhandeln.

Auf unseren gewohnten Wegen und zu zweit fiel es mir immer leichter, ganz bei Fin zu sein. Aber trug unsere neue Klarheit auch dann, wenn die Welt ein bisschen voller wurde? Beim Training, mit anderen Menschen und Hunden, an neuen Orten – und mit einer Sigrid, deren Aufmerksamkeit nicht ausschließlich beim Goldprinzen lag?

Genau das wollte ich als Nächstes herausfinden.

Wenn die Ufer mit auf Reisen müssen

Am Freitag nahm ich unsere neuen Ufer mit zum Dummytraining. Normalerweise ist Fin dort sehr engagiert – der Weg von einer Station zur nächsten wird gerne in einer Geschwindigkeit zurückgelegt, die vermuten lässt, die nächste Aufgabe sei nur noch wenige Sekunden verfügbar. 😉

Meine Herausforderung diesmal: der Trainerin zuhören, Übungen verstehen, Fin wahrnehmen und ihm Orientierung geben, ohne ihn wieder in die „SOKO Goldprinz“ aufzunehmen. Und es funktionierte erstaunlich gut. Wir liefen die rund vier Kilometer durch die Au deutlich entspannter als sonst. Kein hektisches Ziehen von Station zu Station. Unsere Kommunikation funktionierte also auch dann, wenn mein geistiger Arbeitsspeicher nicht ausschließlich für Fin reserviert war.

Am Samstagmorgen legte das Leben gleich die nächste Prüfungsstufe nach. Erst eine weglaufende Katze – kurze Aufregung, eine Erinnerung und etwa eine Sekunde später war Fin wieder bei mir. Kurz darauf ein freilaufender Pinscher, der uns schon aus größerer Entfernung aufmerksam entgegenstarrte. Auch hier nahm Fin sich zurück und wir liefen mit etwa eineinhalb Metern Abstand an ihm vorbei.

Ich begann langsam, ein bisschen übermütig zu werden.
Das Universum offenbar auch. 😉
Vor der ohnehin schon aufregenden Freilaufzone kam uns ein etwa zehn Monate alter Labradorrüde entgegen – hochgefahren, fixierend und außerordentlich interessiert an Fin. Ich ging vorsichtshalber etwa zehn Meter ins Feld, sagte dem Besitzer dass wir sie vorbei gehen lassen und ließ Fin mit dem Rücken zu ihm sitzen, bis das Team vorbei war. Kaum in der Freilaufzone angekommen, wurde der Jungspund abgeleint und schoss bellend von hinten an uns heran.

Für einen Moment war es vorbei mit unserer schönen inneren Ruhe. Fin in Emotion. Ich ebenfalls. „Hättest du nicht noch zwei Minuten warten können?“, kam wenig zenmeisterlich aus mir in Richtung Junghundebesitzer.

Tja. Auch Menschen treten gelegentlich über die Ufer. 😉 Ich wartete keine Antwort ab, richtete innerlich mein Krönchen, sortierte mich – und Fin. Einmal tief durchatmen, ein Blick zu meinem Goldjungen und wir gingen weiter.

Gerade diese Situation war für mich fast wertvoller als all die ruhigen Begegnungen davor. Denn diesmal waren wir beide kurz aus der Kurve geflogen. Und trotzdem war nicht alles dahin, was wir uns vorher erarbeitet hatten. Kurz darauf kam uns schon der nächste aufgeregte Hund entgegen. Diesmal liefen wir einen kleinen Bogen, ich blieb bei Fin und er bei mir.
Krönchen saß wieder. 😉
Am Nachmittag wartete eine ganz andere Herausforderung auf uns: ein Besuch bei meiner Freundin und ihren drei Rüden - alle so zwischen eineinhalb und fünf Jahren. Die Hunde kennen sich untereinander sehr gut, wobei wir uns seit ungefähr einem halben Jahr nicht mehr gesehen hatten. Normalerweise bedeutet so ein Besuch für ihn ungefähr:
Party eröffnet, Gehirn geschlossen.

Ich sagte meiner Freundin bereits bei der Begrüßung, dass ich es schön fände, wenn wir diesmal auf mehr Ruhe und die Wahrung der Grenzen jedes einzelnen achten würden - und sie war bei diesem Vorhaben sofort dabei. Wir beide wollten beobachten, ohne die Hunde dabei zu überwachen und nur wenn nötig eben auch eingreifen.

Nach einiger Zeit sagte Fin einem der Jungs, der ihm zu aufdringlich wurde, selbst ein deutliches Stopp – was dieser verblüfft, aber völlig unspektakulär akzeptierte. Ich feierte ihn, weil er es so klar getan hatte und mich selbst, weil ich ihn hab machen lassen. Und wenn der älteste der Runde den Watschenbaum rascheln ließ oder die Vierer-Gang gemeinsam den Sicherheitsdienst eröffnen wollte, erinnerte ich Fin daran, dass er nicht jede Einladung annehmen musste.

Das Spannende: Er entfernte sich dadurch nicht von mir. Im Gegenteil. Statt stundenlang hirnlos durch den Garten zu sausen, blieb er viel bei uns und legte sich sogar zum Dösen hin. Es war ruhiger. Besonnener. Runder.

Fin setzte seine Grenzen, ich gab dem ganzen einen Rahmen –
und erstaunlicherweise zerbrach daran weder die Stimmung noch unsere Beziehung.
Am Sonntag nahmen wir die Ufer schließlich mit zu einer Wanderung: achteinhalb Kilometer, zwei unkastrierte Pudelrüden, Wasser, Wildgerüche, Kaiserwetter, Menschen und jede Menge Hunde. Normalerweise nutzt Fin dort seine zehn Meter Leine gerne vollständig aus – möglichst gleichzeitig in alle Himmelsrichtungen und weitgehend unabhängig davon, was hinten dranhängt.

Diesmal gingen wir in meinem Tempo – naja meistens 😉. Fin brauchte deutlich mehr Erinnerungen als zuhause – logisch, sein Oberstübchen hatte einiges zu verarbeiten. Trotzdem war seine Aufregung im Vergleich zu früher um Welten geringer. Er lief an den vielen entgegenkommenden Hunden an lockerer Leine vorbei, hielt sich aus den Diskussionen der Pudel heraus und durfte zwischendurch natürlich planschen und schwimmen.
Nach zweieinhalb Stunden kamen wir glücklich am Auto an. Das Bemerkenswerteste dabei war: Wir kamen müde zurück – aber innerlich ungefähr genauso leise, wie wir losgegangen waren. Kein völlig überdrehter Labrador. Keine Sigrid mit verlängertem Arm und dem dringenden Wunsch nach orthopädischer Betreuung. Einfach schön und entspannt.
Am Abend drehten wir noch unsere kleine Heimrunde ums Stadion und den Stadtfriedhof. Hundebegegnungen auf unseren gewohnten Wegen? Nach dieser Woche teilweise schon beinahe so spannend wie Grashalme im Wind.

Und natürlich dachte sich das Universum: Na, wenn du meinst. 😉

Aus einer Hauseinfahrt sprang ungefähr eineinhalb Meter vor uns eine kleine Katze auf den Weg und fauchte uns an, als hätte sie persönlich die Nachtschicht im Sicherheitsdienst übernommen. Fin zuckte zurück, ich erschrak – und mein „Leave!“ fiel in diesem Moment vermutlich eine Spur weniger sanft aus als geplant.

Schreckmomente bleiben eben Schreckmomente, auch wenn man gerade einen Blog über ruhige Grenzen schreibt. 😉 ABER: kein Bellen, kein Zerren, nur ein Blick – und wieder weiter. Bombastisch.

Wir sind aber keineswegs fertig. Zum Glück. Wir sind ja noch jung. 😉
Und genau deshalb gehört für mich zu diesem Experiment noch etwas ganz Entscheidendes:

Jeder Fehler ist eine Information

Ein klares Nein bedeutet für mich nicht, einen Hund einzuschüchtern oder ihm Angst vor Fehlern zu machen. Fehler gehören zum Lernen. Sie zeigen mir schlicht, wo wir gerade stehen – was schon trägt und wo die Welt in diesem Moment doch noch spannender war als meine pädagogischen Pläne. 😉

Und trotzdem muss ich nicht alles laufen lassen. Ich kann erkennen:
Ah, okay. Das kannst du hier gerade noch nicht.
Und gleichzeitig sagen: Stopp. Das möchte ich trotzdem nicht.

Denn auch meine Grenze ist eine Information. Anschließend kann ich mir überlegen, was Fin braucht, damit es beim nächsten Mal leichter wird: mehr Abstand, mehr Unterstützung, einen kleineren Lernschritt oder schlicht noch ein bisschen Übung.

Verstehen und Grenzen setzen schließen einander nicht aus.
Der Fehler zeigt mir, wo Fin steht - Meine Grenze zeigt ihm, wo ich stehe.

Eigentlich ganz einfach – wenn wir aufhören, daraus gleich eine Staatskrise zu machen. 😉

Am Ende geht es um uns beide

Eine Woche ist natürlich kein wissenschaftlicher Langzeitversuch und vermutlich wird Fin schon sehr bald irgendeine kreative Möglichkeit finden, mir zu erklären, dass meine bisherigen Erkenntnisse dringend einer weiteren Feldstudie bedürfen. Er ist schließlich zweieinhalb und ein „Ja, aber …“der immer wiedermal am Watschenbaum rüttelt 😉

Aber etwas hat sich verändert. Nicht nur bei Fin, sondern auch bei mir.

Mehr Grenzen haben nicht zu weniger Freiheit geführt. Im Gegenteil. Je klarer ich wurde, desto weniger musste ich kontrollieren – und desto mehr Freiheit konnte ich Fin geben.

Wir sprechen viel darüber, die Grenzen unserer Hunde wahr- und ernst zu nehmen. Zu Recht. Wir wollen ihre Bedürfnisse verstehen, ihre Kommunikation lesen und ihnen Wahlmöglichkeiten geben. Aber Beziehung besteht aus zwei Seiten. Auch wir dürfen Bedürfnisse haben, Raum brauchen und sichtbar machen, wo unsere eigenen Ufer verlaufen. Und das geht weit über Hundetraining hinaus.

Mein Gegenüber darf mein Nein schade finden – und es darf trotzdem richtig sein. Es darf enttäuscht sein, ohne dass ich diese Enttäuschung sofort reparieren muss. In Beziehungen jeder Art dürfen wir lernen:

Ich muss mich nicht selbst verlassen, damit du bei mir bleibst.
Und natürlich ist nach dieser einen Woche noch lange nicht alles rund. Wo kämen wir denn da hin? Wir brauchen schließlich noch Stoff für weitere Blogs. 😉

Bei Hundekumpels fällt Fin das Zurücknehmen zum Beispiel noch deutlich schwerer. Und wenn er sich sehr auf mich konzentriert, scheint sein Darm gelegentlich zu beschließen, dass Haufi machen eine organisatorisch nachrangige Tätigkeit ist. Irgendwann verlasse ich dann meinen hochpädagogischen Versuchsaufbau und denke nur noch: Bitte, Hund. Mach einfach dein Geschäft.

Es wird also noch genügend Momente geben, in denen ich zu spät reagiere, etwas ausprobiere, das nicht funktioniert, oder ich meine Meinung wieder ändere. Aber vielleicht ist genau das die gute Nachricht:

Wir müssen nicht erst alles richtig machen, bevor wir etwas Neues wagen dürfen.
Wir dürfen ausprobieren, beobachten, nachjustieren –
und aus dem, was passiert, weiterlernen.


Und offenbar ist mein kleiner Goldprinz nicht der Einzige von uns beiden, der darin noch etwas Übung gebrauchen kann. 😉 Wie praktisch, dass wir uns gefunden haben. 😉

Zwei kleine „Ja, aber …“ auf demselben Weg.
Sigrid & Fin

Eine Frau, die gerade lernt, ihre Ufer etwas sichtbarer zu machen – und ein Labrador, der gelegentlich überprüft, ob sie wirklich an jedem Wochentag an derselben Stelle liegen.

Textredaktion und Bildgestaltung mit Unterstützung von ChatGPT (OpenAI). KI-Bilder auf Basis eigener Bildvorlagen. Inhalt und fachliche Verantwortung:

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