Was uns sicher macht

Es gibt Momente ...

... als Hundetrainerin, in denen man sich wünscht, der Boden würde sich einfach kurz auftun. Kein Erdbeben oder so. Ein kleines, diskretes Loch würde vollkommen reichen, in dem man für ungefähr drei Minuten verschwinden und anschließend so tun könnte, als wäre überhaupt nichts gewesen.

Ich hatte am vergangenen Wochenende so einen Moment. Und weil einer offenbar nicht gereicht hat, lieferte mir das Leben freundlicherweise gleich noch eine Wiederholungseinheit dazu.

Fin und ich waren auf einem Cavaletti-Seminar und warteten darauf, dass wir an die Reihe kamen. Ungefähr fünf Meter neben uns saß ein anderes Mensch-Hund-Team, das Fin ziemlich schnell ausgesprochen interessant fand. Er orientierte sich immer wieder dorthin und begann irgendwann tatsächlich, auf dem Bauch Stück für Stück näher zu robben. Wie ein kleiner goldener Wurm, vermutlich in der festen Überzeugung, niemand würde bemerken, wie sich gut dreißig Kilo Labrador möglichst unauffällig über den Boden schieben. Ich bemerkte es, holte ihn zurück und dachte mir nicht viel dabei. Wir saßen schließlich einige Meter entfernt, Fin war bei mir – alles sicher und gut.

Bis meine Aufmerksamkeit für einen Moment woanders war und Fin diese Gelegenheit ausgesprochen effizient nutzte. Er lief hinüber und – zack – stieg auf den anderen Hund auf.

Großartig. Hundetrainerin auf Seminar, eigener Hund hängt auf einem fremden Rüden. Läuft bei uns.

Ich hob Fin ruhig herunter, entschuldigte mich und nahm ihn wieder mit. Kein Streit, keine Eskalation, kein Drama – abgesehen von dem in meinem Kopf. Im anschließenden Gespräch erzählte mir die Frau, dass einer ihrer Hunde in der Vergangenheit von einem Labrador attackiert worden war. Eine interessante Information, denn auch ich hatte rund um dieses Team eine gewisse Spannung wahrgenommen. Was genau Fin davon mitbekam, kann ich natürlich nicht wissen.

Kurze Zeit später liefen wir unseren Cavaletti-Parcours. Danach waren meine Gedanken bereits wieder auf unserem Platz. Fin lief unangeleint hinter mir und ich ging blöderweise zu knapp an besagtem Team vorbei. Ein kurzer Blick zurück, Fin biegt ab und – zack – hängt mein Hund schon wieder auf dem anderen Rüden. Nicht schon wieder. Also Fin wieder heruntergehoben, wieder entschuldigt, wieder weitergegangen.

Inzwischen hätte ich dieses kleine Loch im Boden wirklich dringend gebraucht.

Dann tat die andere Hundehalterin etwas ausgesprochen Simples. Sie nahm ihre Sachen und setzte sich mit ihrem Hund ein Stück weiter weg. Sie schaffte Raum.

Und ich hätte mich in diesem Moment am liebsten selbst in den Allerwertesten gebissen, denn sie tat genau das, was ich längst hätte tun können. Ohne Diskussion, ohne Drama und ohne Schuldzuweisung veränderte sie schlicht den Abstand. Zweimal hatte Fin mir gezeigt, dass dieses Team für ihn relevant war. Zweimal hätte ich reagieren können.

Und am Ende tat es jemand anderes.
Autsch.

Und was war mit mir?

Viel spannender als die Frage, was Fin da eigentlich geritten hatte – im wahrsten Sinne des Wortes –, war für mich im Nachhinein eine andere: Was genau war mir eigentlich so peinlich? Dass mein Hund einen anderen Rüden gerammelt hatte? Oder dass ich seine Signale und mein eigenes ungutes Gefühl durchaus wahrgenommen und trotzdem nicht gehandelt hatte?

Denn auch mir war diese schwer greifbare Spannung aufgefallen. Statt meinem Bauchgefühl zu vertrauen und für mehr Abstand zu sorgen, redete ich die Situation klein, machte ein paar Scherze und suchte die Erklärung zunächst beim Gegenüber. Ich fiddelte.

Herrlich. Da erzähle ich Menschen seit Jahren, dass Verhalten Kommunikation ist und Fight, Flight, Freeze oder Fiddle Strategien sein können, mit denen wir versuchen, schwierige Situationen zu bewältigen – und dann fiddle ich selbst fröhlich mit. Vielen Dank, liebes Leben. 😉

Und plötzlich sah ich diese Situation mit anderen Augen. Fin hatte auf seine Weise reagiert, ich auf meine und die andere Hundehalterin schließlich auf ihre: Sie schaffte Raum. Hinter all diesen unterschiedlichen Reaktionen steckte damit für mich eine viel spannendere Frage als die nach dem „richtigen“ oder „falschen“ Verhalten:

Was brauchen wir eigentlich, damit es uns gut geht?

Was wir wirklich brauchen

Bevor wir über Gehorsam, Impulskontrolle, Leinenführigkeit oder Sozialverhalten sprechen und darüber diskutieren, wie gut ein Hund in unserer Menschenwelt „funktioniert“, gibt es etwas viel Grundsätzlicheres: unsere Bedürfnisse.
Und eines davon ist das Bedürfnis nach Sicherheit.

Doch was bedeutet Sicherheit eigentlich? Ich kann Fin schließlich nicht versprechen, dass uns morgen kein Hund begegnet, dessen Nähe ihm unangenehm ist. Ich kann nicht verhindern, dass jemand seine Individualdistanz unterschreitet, ein Radfahrer überraschend um die Ecke kommt oder das Leben mal wieder vergisst, sich höflich anzukündigen, bevor es unsere Pläne durcheinanderwirbelt. Und genauso wenig kann ich mein eigenes Leben so gestalten, dass mir niemals etwas begegnet, das mich verunsichert oder überfordert.

Aber gibt es diese Sicherheit, nach der wir uns sehnen, überhaupt?
Wir sprechen von finanzieller Sicherheit, einem sicheren Zuhause, sicheren Beziehungen oder davon, uns bei einem Menschen sicher zu fühlen. Vieles davon hängt an Ressourcen, Umständen und anderen Lebewesen – und damit an Dingen, die wir niemals vollständig kontrollieren können.

Vielleicht suchen wir deshalb weniger nach der Gewissheit, dass nichts passieren kann, sondern nach dem Gefühl, dem, was passiert, nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Wahrgenommen und gehört zu werden. Mit unseren Grenzen ernst genommen zu werden. Möglichkeiten zu haben, selbst handeln zu können. Und darauf vertrauen zu dürfen, dass wir nicht alleine dastehen, wenn etwas schwierig wird.

Sicherheit beginnt für mich dort, wo es in uns ein Stück ruhiger wird. Nicht weil nichts mehr passieren kann, sondern weil spüre:
Ich werde gesehen. Ich habe Möglichkeiten. Und ich bin damit nicht allein.
Bei unseren Hunden ist es im Grunde gar nicht so anders. Auch sie brauchen keine Welt, in der niemals etwas Unangenehmes passiert. Sie brauchen Möglichkeiten, damit umzugehen: Abstand nehmen zu können, ausweichen zu dürfen, mit ihrer Kommunikation wahrgenommen zu werden und einen Menschen an ihrer Seite zu haben, der ihnen gleichzeitig zutraut, Herausforderungen zunehmend selbst zu bewältigen.

Schon Abraham Maslow stellte das Bedürfnis nach Sicherheit neben körperliche Grundbedürfnisse wie Nahrung und Schlaf weit unten in seinem bekannten Modell menschlicher Bedürfnisse. Natürlich lassen sich Bedürfnisse nicht einfach Stockwerk für Stockwerk abhaken, aber für mich steckt darin trotzdem eine ziemlich einfache Botschaft:
Wer gerade damit beschäftigt ist, sich nur irgendwie sicher zu fühlen, hat wenig Kapazität für den Rest.

Geborgenheit

Was es also braucht, sieht bei jedem von uns anders aus. Ich nenne das gerne unsere persönliche Geborgenheitsgarnitur. Und die wird zum Glück nicht in Einheitsgröße ausgeliefert.

An ihr wird eigentlich schon sehr früh gestrickt. Veranlagung spielt dabei ebenso eine Rolle wie die ersten Erfahrungen mit der Welt, Beziehungen, Umwelt und all das, was wir im Laufe unseres Lebens erleben. Wir lernen, wem wir vertrauen können, was uns guttut, wann unsere Signale gehört werden und ob wir selbst etwas bewirken können. Gute Erfahrungen können unsere Garnitur Stück für Stück erweitern, schwierige Erfahrungen dafür sorgen, dass wir an manchen Stellen etwas mehr Schutz brauchen. Und fertig wird sie vermutlich nie – mit jeder neuen Erfahrung stricken wir ein Stück daran weiter.

Deshalb sieht Geborgenheit für jeden anders aus. Der eine Mensch liebt eine herzliche Umarmung, während der andere schon beim Gedanken daran einen kleinen Fluchtplan entwickelt. Der eine Hund schläft tiefenentspannt unter dem Tisch eines vollbesetzten Restaurants, während ein anderer schon beim Öffnen der Eingangstür überlegt, ob Auswandern nicht doch eine vernünftige Option wäre.

Es gibt kein Rezept für Sicherheit

Was dem einen Halt gibt, kann dem anderen bereits zu eng sein. Was für den einen Freiheit bedeutet, kann sich für den anderen nach Orientierungslosigkeit anfühlen. Keines davon ist richtiger oder falscher. Es sind schlicht unterschiedliche Bedürfnisse. Und auch die sind nicht jeden Tag gleich.

Was heute völlig in Ordnung ist, kann morgen schon zu viel sein. Ausgeschlafen und entspannt lässt sich manches leichter wegstecken. Nach einem anstrengenden Tag reicht dagegen schon der Mensch, der uns im Supermarkt mit seinem Einkaufswagen drei Zentimeter zu dicht auf die Pelle rückt, und plötzlich entdecken wir Seiten an uns, die mit innerer Gelassenheit nur noch entfernt verwandt sind.

Warum sollte das bei unseren Hunden anders sein?

Auch Fins Wohlfühlabstand ist nicht jeden Tag und bei jedem Gegenüber derselbe. Vielleicht hätten die fünf Meter an einem anderen Tag vollkommen ausgereicht. An diesem offenbar nicht. Mit noch nicht einmal zweieinhalb Jahren ist es auch nicht seine Aufgabe, jede Situation souverän meistern zu können. Er darf noch lernen – und meine Aufgabe ist es, ihm dafür einen passenden Rahmen zu geben.

Eine unserer wohl schwierigsten Aufgaben ist dabei, nicht den Hund von gestern zu sehen und auch nicht den, von dem wir glauben, dass er heute vor uns sitzen sollte
sondern den, der gerade tatsächlich da ist.

Wenn unsere Unterstützung fehlt

Wenn Fin sich einmal nicht sicher fühlt und ich ihm keine passende Unterstützung anbiete, wird er versuchen, selbst eine Lösung zu finden – mit den Möglichkeiten, die ihm gerade zur Verfügung stehen.
Vielleicht geht er dann auf Abstand, bleibt stehen und erstarrt, vielleicht brummt oder fiddelt er. Und manchmal landet er eben auch unter Umständen auf einem anderen Hund.

Nicht jede seiner Lösungen wird mir gefallen, und manche muss und werde ich unterbrechen, aber anstatt nur das Verhalten abzustellen, lohnt sich die Frage, was er damit eigentlich zu lösen versucht.

Unser Problem liegt nämlich oft gar nicht darin, dass unsere Hunde kommunizieren, sondern, dass uns nicht gefällt, wie sie es tun. Natürlich darf unser Hund sagen, wenn ihm etwas zu viel, zu nah oder einfach nicht geheuer ist. Wir sind ja schließlich verständnisvoll. Er sollte das nur bitte möglichst dezent machen. Nicht bellen, nicht knurren, nicht in die Leine springen und selbstverständlich auch keinen anderen Hund besteigen. Am besten schaut er uns kurz bedeutungsvoll an, wartet auf unsere fachkundige Einschätzung und geht anschließend ruhig und an lockerer Leine mit uns weiter. 😉

So ungefähr hätten wir es gerne. Tja ... Blöd nur,
dass Hunde das Kleingedruckte unserer menschlichen Benimmregeln offenbar nicht gelesen haben.

Wenn also Bedürfnisse so wichtig sind, heißt das im Umkehrschluss, dass wir unserem Hund nun alles ersparen müssen, was unangenehm sein könnte? Dass wir jedes Nein aus unserem Wortschatz streichen, Frust möglichst weiträumig umfahren und grundsätzlich nur noch das tun, womit unser Hund gerade einverstanden ist?

Wohl kaum. Und genau an dieser Stelle wird es in der Hundewelt interessant. Denn sobald wir darüber sprechen, wie viel Führung ein Hund braucht, welche Grenzen wir setzen dürfen und wie viel Frust oder Herausforderung wir ihm zumuten können, landen wir erstaunlich schnell in verschiedenen Lagern.

Und natürlich ist jedes davon überzeugt, ziemlich genau zu wissen, wie es richtig geht.

Drei Welten, drei Wahrheiten?

Wenn man sich in der Hundewelt ein bisschen umhört, könnte man manchmal meinen, es gäbe ungefähr drei Möglichkeiten, mit einem Hund zusammenzuleben. Und vermutlich verfolgen alle im Grunde ein ähnliches Ziel:

Wir wünschen uns ein harmonisches Miteinander,
in dem Mensch und Hund sich wohlfühlen und gemeinsam möglichst gut durchs Leben kommen.

Spannend wird es bei der Frage, wie wir dorthin kommen, denn darüber gehen die Vorstellungen ziemlich weit auseinander:
In Welt Nummer eins herrscht noch "die gute alte Ordnung".
Oben steht der Mensch, unten der Hund. Einer muss schließlich der Rudelführer sein, und nachdem wir die Miete bezahlen, scheint die Rollenverteilung offenbar geklärt. Es braucht klare Grenzen, klare Ansagen und einen Hund, der versteht, dass der Mensch das Sagen hat. Ordnung, Kontrolle und eindeutige Verhältnisse sollen dafür sorgen, dass das Zusammenleben funktioniert. Wenn der Hund nicht folgt, muss man eben konsequenter werden. Schließlich darf er einem ja nicht „auf der Nase herumtanzen“.
Dann gibt es Welt Nummer zwei, gerne liebevoll – oder weniger liebevoll – als „Wattebauschfraktion“ bezeichnet.
Dort soll möglichst alles freundlich, positiv und angenehm sein. Kein böser Blick, kein körperliches Begrenzen und am besten auch keine Situation, die den Hund frustrieren, verunsichern oder womöglich überfordern könnte. Vertrauen und Wohlbefinden sollen vor allem dadurch entstehen, dass der Hund möglichst gute Erfahrungen macht und freiwillig mit uns kooperiert.
Und dann hätten wir noch Welt Nummer drei: Laissez-faire.
Du möchtest heute nicht dort entlanggehen? Dann gehen wir eben woanders. Du möchtest das nicht? Dann lassen wir es. Hauptsache, es geht dir gut und du fühlst dich wohl. Freiheit und Selbstbestimmung stehen im Vordergrund. Aus Mitbestimmung kann dabei allerdings irgendwann Entscheidungshoheit werden und aus Freiheit Verantwortung, die der Hund vielleicht gar nicht tragen kann. Grenzen werden so flexibel, dass man gelegentlich nicht mehr ganz sicher ist, ob überhaupt noch welche da sind.
Natürlich sind diese drei Welten überspitzt dargestellt. Die meisten Mensch-Hund-Teams bewegen sich irgendwo dazwischen und auch Trainingsansätze sind wesentlich vielfältiger, als solche Schubladen vermuten lassen. Trotzdem finde ich einen Gedanken daran spannend:

Jede Welt hat ihre eigene Vorstellung davon, was ein Hund braucht, damit es ihm gut geht und ein harmonisches Zusammenleben möglich wird.

Harmonie und Sicherheit sind nicht dasselbe

Ein Hund kann still sein, ohne sich sicher zu fühlen. Er kann bekommen, was er möchte, ohne deshalb Orientierung zu haben. Er kann eine Grenze erleben, ohne dass diese automatisch bedrohlich sein muss. Und er kann frustriert oder kurz überfordert sein, ohne dass deshalb gleich seine ganze Welt zusammenbricht.

Vielleicht liegt genau hier ein Teil unseres Problems: Wir beurteilen Sicherheit häufig danach, wie eine Situation für uns aussieht oder wie sie sich für uns richtig anfühlt. Doch was ich für sicher, fair oder vollkommen zumutbar halte, muss sich für mein Gegenüber noch lange nicht genauso anfühlen. Schließlich bringt jeder seine eigene Geborgenheitsgarnitur mit – gestrickt aus Veranlagung, Erfahrungen, Beziehungen und all dem, was das Leben bisher hineingewoben hat.

Und damit wird die Frage nach dem „richtigen“ Hundetraining plötzlich ziemlich schwierig. Wer bestimmt denn, was ein Hund braucht, was wir ihm zumuten können und wo eine Grenze sinnvoll ist?
Der Trainer? Die Wissenschaft? Der Mensch? Der Hund?
Und woran erkennen wir überhaupt, ob etwas, das heute scheinbar funktioniert, unserem gemeinsamen Weg langfristig guttut?
Genau hier wird es für mich problematisch, wenn Hundetraining zur Glaubensfrage wird. Wenn nur noch „streng“ oder „nett“, „durchsetzen“ oder „nachgeben“ zur Auswahl stehen, verlieren wir schnell das Lebewesen aus den Augen, das gerade vor uns steht.

Besonders deutlich wird das, wenn Menschen aus Verzweiflung plötzlich zwischen diesen Welten wechseln. Da bemüht sich jemand lange, möglichst verständnisvoll mit seinem Hund umzugehen, kommt irgendwann nicht mehr weiter und hört von einem neuen Trainer: „Du warst einfach zu nett. Der braucht eine klare Ansage.“ Und plötzlich wird aus dem Wattebausch eine Rappeldose.

Gestern sollte möglichst alles angenehm sein, heute fliegt die Dose neben dem Hund auf den Boden. Vielleicht wird er danach tatsächlich stiller. Vielleicht „funktioniert“ es sogar. Aber hat er verstanden, was wir von ihm wollten – oder nur gelernt, dass es sicherer ist, sein Verhalten nicht mehr zu zeigen?

Und was passiert dabei mit Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit? Wenn ich gestern auf ein Verhalten völlig anders reagiert habe als heute, nur weil ich inzwischen die Trainingsphilosophie gewechselt habe, muss auch mein Hund erst einmal herausfinden, woran er bei mir eigentlich ist.

Es geht also nicht darum, möglichst streng oder möglichst nett zu sein,
sondern ein Gegenüber zu sein, das verlässlich ist, an dem man sich orientieren kann und gleichzeitig eines, das bereit ist zuzuhören.

Halt geben, ohne festzuhalten

Das Schöne ist: Wir müssen uns gar nicht für eine dieser Welten entscheiden.
Bedürfnisse und Grenzen, Freiheit und Orientierung, Selbstbestimmung und Unterstützung sind keine Gegensätze und dürfen miteinander existieren – und je nach Situation darf mal das eine und mal das andere ein bisschen mehr Raum bekommen.

Ein Nein darf Platz haben, ohne bedrohlich werden zu müssen, und ein Ja bedeutet noch lange nicht, dass der Hund deshalb gleich die Familiengeschäfte übernimmt. Wir dürfen unseren Hunden etwas zumuten, ohne sie mutwillig zu überfordern. Frust gehört in bewältigbaren Portionen zum Leben und zum Lernen dazu. Und wir dürfen Verantwortung übernehmen, ohne daraus Macht machen zu müssen.

Sich sicher zu fühlen, bedeutet schließlich nicht, dass sich immer alles gut anfühlen muss.
Entscheidend ist vielmehr, wie wir miteinander umgehen, wenn es schwierig wird.

Wenn ich möchte, dass Fin meine Grenzen respektiert, muss ich auch bereit sein, seine wahrzunehmen. Wenn ich möchte, dass er sich an mir orientiert, muss ich ihm Orientierung anbieten. Und wenn ich möchte, dass er mir vertraut, sollte er erleben dürfen, dass ich verlässlich bleibe – auch dann, wenn wir gerade unterschiedlicher Meinung sind.

Gute Führung bedeutet für mich deshalb nicht: „Du musst da jetzt durch“, sondern vielmehr:
„Ich sehe dich und weiß, was ich dir zutrauen kann.
Und wenn es gerade noch zu viel ist, helfe ich dir dabei.“
In der Forschung zur Mensch-Hund-Bindung spricht man von einer „sicheren Basis“. Gemeint ist damit etwas ganz Einfaches: Fühlt sich ein Hund bei seiner Bezugsperson sicher, fällt es ihm leichter, die Welt zu erkunden, zu Lernen, Neues auszuprobieren und Herausforderungen anzunehmen.

Sicherheit macht Entwicklung nicht überflüssig – sondern überhaupt erst möglich.

Hier schließt sich der Kreis zu meinem Seminarwochenende. Fin brauchte niemanden, der ihn für den Rest des Tages vorsorglich in zwanzig Meter Abstand zur Außenwelt parkte. Er brauchte aber auch niemanden, der sagte: „Da musst du jetzt durch.“ Er brauchte einen Rahmen, in dem er mit dieser Situation umgehen konnte. In diesem Fall wäre das ziemlich simpel gewesen: mehr Raum.

Und wenn ich ehrlich bin, brauchte nicht nur Fin mehr Raum.
Wir alle brauchten ihnjeder aus seinen ganz eigenen Gründen.
Genau das hatte ich in diesem Moment aus dem Blick verloren. Am Ende war es die andere Hundehalterin, die den Abstand vergrößerte und damit etwas Entscheidendes für uns alle schuf: mehr Luft – und damit die Möglichkeit, wieder ein Stück zur Ruhe zu kommen.
Eigentlich erstaunlich, wie wenig es manchmal braucht, damit sich eine Situation plötzlich wieder sicherer anfühlt.

Heute bin ich ihr sehr dankbar. Nicht nur, weil sie in diesem Moment für den nötigen Abstand sorgte, sondern weil sie mir damit etwas ziemlich Wichtiges vor Augen führte. Es sind doch oft jene Momente, in denen wir uns am liebsten kurz in Luft auflösen würden, aus denen wir am meisten mitnehmen.
Danke für dieses Learning. Ich glaube, jetzt hab ich's. 😉

Seite an Seite

Wenn ich heute auf diese Situationen zurückblicke, ist mir Fins Aufreiten tatsächlich nicht mehr ganz so peinlich. Okay – ein bisschen schon. Offenbar bin ich noch nicht vollständig über den Wunsch hinweg, dass mein Hund in der Öffentlichkeit wenigstens so tut, als hätte er meine Visitenkarte gelesen. 😉 Viel wichtiger ist aber, was ich daraus mitgenommen habe:

Verantwortung bedeutet nicht, keine Fehler zu machen.
Sie bedeutet, neugierig hinzusehen, wenn etwas schiefgelaufen ist.


Was ist passiert? Was habe ich übersehen? Was hat Fin gebraucht? Was habe ich gebraucht? Was hat unser Gegenüber gebraucht? Und was können wir beim nächsten Mal anders machen?

Auch das gehört für mich zu Sicherheit:
Dass wir Fehler machen zu dürfen, ohne dass gleich die Welt zusammenbricht.
Und dass wir Erfahrungen sammeln, daraus zu lernen und beim nächsten Mal vielleicht eine andere Entscheidung treffen.

Und mit „wir“ meine ich tatsächlich uns beide. Fin darf lernen, seine Umwelt einzuschätzen und immer bessere Lösungen zu finden. Ich darf lernen, meiner Wahrnehmung früher zu vertrauen, die Grenzen aller ernst zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen, ohne deshalb alles kontrollieren zu müssen.

Denn nicht nur Fin ist mitten in seiner Entwicklung.
Ich bin es genauso.
Und das ist unser gemeinsamer Weg. Seite an Seite.
Ich kann Fin keine absolute Sicherheit versprechen – genauso wenig wie mir selbst. Aber wir können lernen, einander immer besser wahrzunehmen, unseren Möglichkeiten zu vertrauen und füreinander da zu sein, wenn sich die Welt gerade ein bisschen zu eng anfühlt. Manchmal braucht es dafür Mut, manchmal Unterstützung und manchmal schlicht ein paar Meter mehr Abstand.

Nicht immer perfekt. Nicht immer souverän. Aber immer gemeinsam.
Und in meiner Welt ist das sicher genug.

Sigrid & Fin
Eine Frau, die lernen darf, ihrer Wahrnehmung ein bisschen früher zu vertrauen – und ein junger Rüde, der manchmal sehr kreative Wege findet, sie daran zu erinnern. 😉

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