Warum unser Hund manchmal gar nicht anders kann
Es passierte in wenigen Sekunden. Fin und ich gehen gerade noch völlig entspannt unseren Weg. Er schnüffelt am Wegesrand, ich genieße die Ruhe und denke an alles Mögliche – nur nicht daran, was gleich passieren wird. Plötzlich schießt ein kleiner Hund um die Ecke. Die Flexileine surrt, sein Mensch ruft irgendetwas hinterher und noch bevor ich die Situation richtig erfassen kann, spannt sich Fin an und springt mit voller Wucht in die Leine. Die Hunde bellen, die Leinen stehen unter Spannung und wir Menschen versuchen irgendwie, unsere Hunde aus der Situation herauszubekommen.
Kaum haben Fin und ich ein paar Meter Abstand gewonnen, höre ich hinter mir einen Satz, den wahrscheinlich viele Hundehalter schon einmal gehört haben:
„Ihr Hund braucht deutlich mehr Impulskontrolle.“
Weißt du was? Vor ein paar Jahren hätte ich mich wahrscheinlich gar nicht nur über meinen Hund oder den anderen Menschen geärgert. Ich hätte vor allem an mir selbst gezweifelt. Warum passiert das ausgerechnet immer uns? Hatte der andere Mensch vielleicht sogar recht? Wie peinlich…
Damals habe ich genau auf das geschaut, was jeder sehen konnte – und dabei genau das übersehen, worauf es wirklich ankam. Denn was wäre, wenn die eigentliche Geschichte gar nicht erst in diesem einen Augenblick begonnen hätte, sondern schon lange davor?
Was passiert eigentlich in einem Hund, bevor er überhaupt reagiert?
Verhalten ist immer eine Antwort
einen Hund, der ruhig bleibt, obwohl andere Hunde vorbeigehen. Der bei lauten Geräuschen gelassen bleibt. Der nicht bellt, zieht oder losspringt.
Kurz gesagt: einen Hund, der sich jederzeit beherrschen kann.
Vielleicht kommt uns dieser Wunsch deshalb so selbstverständlich vor, weil viele von uns selbst mit genau dieser Vorstellung aufgewachsen sind. Schon als Kinder haben wir gelernt, dass man seine Impulse und Gefühle im Griff haben sollte. Nicht zu laut sein. Nicht zu wild. Nicht zu wütend. Nicht zu traurig. Sich zusammenreißen. Sich anpassen. Nicht auffallen. Zu verstehen, was in uns vorgeht, spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Wer ruhig blieb und funktionierte, galt als wohlerzogen. Wer laut wurde, emotional oder impulsiv reagierte, fiel auf – und das war nicht erwünscht. Und viele von uns tragen diese Überzeugung bis heute unbewusst in sich.
Möglicherweise erwarten wir genau dasselbe auch von unseren Hunden.
Du hast einen richtig schlechten Tag. Etwas hat dich verletzt, enttäuscht oder überfordert. Du möchtest einfach nur erzählen, was gerade in dir vorgeht. Doch statt Verständnis hörst du nur: „Jetzt reiß dich mal zusammen.“ Vielleicht sogar: „Das ist doch kein Grund, so zu reagieren.“ Oder "Schhhhh, gaaaaanz ruhig."
Wie wäre das für dich? Hättest du dich verstanden gefühlt? Ernst genommen? Oder wärst traurig, enttäuscht oder wütend? Vielleicht sogar ziemlich allein. Sind deine Gefühle dadurch verschwunden? Oder hättest du einfach gelernt, sie immer weniger zu zeigen und stattdessen das Verhalten zu zeigen, das gerade von dir erwartet wurde?
Ich glaube, oft ist das Schmerzhafteste die Erfahrung, dass für dein Befinden gerade kein Platz ist. Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir sie verstecken oder unterdrücken. Sie suchen sich irgendwann einen anderen Weg. Und genau darin unterscheiden sich Menschen und Hunde viel weniger, als wir manchmal glauben.
Auch wenn wir uns in vielen Fähigkeiten unterscheiden, folgen unsere Körper und Gehirne denselben biologischen Grundprinzipien. Wir alle nehmen einen Reiz wahr. Unser Gehirn ordnet ihn ein. Daraus entsteht ein Gefühl – und schließlich der erste Impuls, etwas zu tun. Erst wenn dieser erste Impuls nicht mehr die volle Kontrolle hat, bekommt unser Gehirn überhaupt den Raum, innezuhalten und zu prüfen, ob es vielleicht auch noch einen anderen Weg gibt.
Wir halten das Verhalten für das Problem, obwohl es in Wirklichkeit die Antwort ist.
Es erzählt uns, wie unser Hund die Situation gerade erlebt. Warum diese Antwort bei jedem Hund anders ausfällt, hängt von vielem ab: von seiner Geschichte, seinen Erfahrungen, seinem körperlichen Befinden und all dem, was sein Nervensystem bis zu diesem Moment bereits verarbeitet hat. Deshalb kann es auch nicht die eine Übung geben, die für jeden Hund gleichermaßen funktioniert.
Um zu verstehen, warum unser Gehirn Reize überhaupt bewertet, müssen wir einen Blick auf etwas werfen, das viel älter ist als jede Hundeschule.
Ein Gehirn aus der Steinzeit in einer Welt voller Reize
Damals war die Welt erstaunlich überschaubar. Unser Gehirn musste im Grunde nur wenige Fragen beantworten:
Ist das gefährlich? Kann ich es fressen? Frisst es mich? Oder lohnt es sich, genauer hinzusehen?
Mehr war oft gar nicht nötig. Schließlich hing davon das eigene Überleben ab. Und jetzt kommt das Verrückte daran: Genau dieses Gehirn tragen wir immer noch mit uns herum und unsere Hunde übrigens auch 😉 – es muss nur deutlich mehr beantworten.
Nicht das Gehirn wurde schneller – sondern die Welt.
Unsere Hunde starten parallel dazu in ihre eigene Welt, voller Gerüche, Geräusche, Bewegungen und Begegnungen. Eine Katze oder ein Häschen die auftauchen könnten. Eine Hundebegegnung im Park. Ein Jogger der vorbei läuft. Ein Fahrrad das angeschossen kommt.
Was früher ein einzelnes Rascheln im Wald war, ist gegenwärtig ein Alltag, in dem ständig entschieden werden muss:
Ist das wichtig? Kann ich das ignorieren? Oder muss ich sofort reagieren?
Kein Wunder also, dass das Gehirn unseres Hundes ununterbrochen Informationen sortieren und bewerten muss.
Doch wer trifft all diese Entscheidungen eigentlich?
Wer im Gehirn das Sagen hat
Weiter oben im Gebäude arbeitet der Geschäftsführer. Solange alles ruhig läuft, kann der Geschäftsführer in Ruhe überlegen, planen und Entscheidungen treffen. Doch zuerst muss jeder Besucher am Pförtner vorbei.
Solange nur hin und wieder jemand anklopft, läuft alles entspannt. Ein Vogel fliegt vorbei. Ein Fahrrad rollt über den Weg. Irgendwo raschelt ein Blatt. Der Pförtner wirft einen kurzen Blick darauf, nickt freundlich und im Unternehmen kann jeder in Ruhe seiner Arbeit nachgehen.
Doch so sieht unser Alltag längst nicht mehr aus:
Kaum hat der Pförtner einem Besucher geöffnet, steht schon der nächste vor der Tür. Ein anderer Hund. Ein Jogger. Die Duftspur einer läufigen Hündin. Eine zuschlagende Autotür. Hinter jeder neuen Information steckt eine weitere Entscheidung: Ist das wichtig oder nicht?
Und irgendwann kommt selbst der beste Pförtner an seine Grenzen.
Kommt dir das bekannt vor?
Du hattest keinen besonders schlechten Tag, aber es passierten einfach unzählige kleine Dinge in sehr kurzer Zeit. Und dann fällt dir zu Hause der Kaffeebecher aus der Hand – und plötzlich ist dir alles zu viel.
War wirklich der Kaffee das Problem? Oder war auch dein innerer Pförtner schon längst hoffnungslos überfordert?
Nicht der eine Reiz bringt also das Fass zum Überlaufen. Es sind die vielen kleinen Besucher, die sich im Laufe des Tages vor der Tür angesammelt haben.
Ganz ähnlich läuft es auch im Gehirn unseres Hundes ab. Noch bevor bewusstes Abwägen möglich ist, hat das limbische System die Situation bereits eingeordnet: gefährlich oder besonders lohnenswert.
Daraufhin versetzt der Körper sich innerhalb kürzester Zeit in Alarmbereitschaft. Adrenalin wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, die Muskeln werden besser durchblutet und die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf diesen einen Reiz. Entdeckt das Gehirn zusätzlich etwas besonders Attraktives – eine leckere Duftspur eines Jagdobjekts oder einer läufigen Hündin –, wird dazu auch noch das Belohnungssystem aktiv. Dass nun dieser eine Reiz plötzlich wichtiger erscheint als alles andere, dafür sorgt das Dopamin.
Und wo bleibt in diesem ganzen Trubel eigentlich unser Geschäftsführer? Er ist die ganze Zeit da. Doch solange Alarm herrscht, hat die Notfallzentrale das Sagen. Erst wenn der Alarm nachlässt, bekommt auch der Geschäftsführer wieder mehr Einfluss und es können wieder verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abgewogen werden.
Der kleine Moment, der alles verändert
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.
In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.
In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
Ich liebe dieses Bild. Denn dieser Raum ist kein Ort. Er ist ein oft kaum wahrnehmbarer Augenblick. Ein winziger Moment, in dem unser Gehirn nicht mehr nur dem ersten Impuls folgt, sondern wieder die Möglichkeit bekommt, innezuhalten und zwischen verschiedenen Wegen zu wählen.
Vielleicht kennst du diesen Moment auch von dir selbst. Jemand sagt etwas Unfreundliches. Für einen Sekundenbruchteil möchtest du sofort zurückschießen. Und dann atmest du einmal tief durch. Du entscheidest dich, nichts zu sagen. Oder zumindest nicht das Erste, was dir gerade durch den Kopf geschossen ist.
für mich beginnt dort das,
was wir Impulskontrolle nennen.
Seit ich das verstanden habe, hat sich auch mein Blick auf Hundetraining verändert.
Ich frage mich nicht mehr zuerst: „Wie bringe ich meinem Hund mehr Impulskontrolle bei?“
Sondern vielmehr: „Was braucht mein Hund gerade, damit dieser kleine Raum wachsen kann?“
Für mich beginnt Impulskontrolle auch gar nicht erst in dem Moment, in dem unser Hund vor einer schwierigen Entscheidung steht. Sondern schon viele Stunden, Tage und Wochen davor. Genau dann wenn wir die Voraussetzungen schaffen, damit sein Gehirn überhaupt die Möglichkeit bekommt, zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zu wählen.
Aber warum ist dieser Raum an manchen Tagen so weit offen – und an anderen kaum größer als ein Wimpernschlag?
Warum gute Entscheidungen nicht immer leicht sind
Wohl kaum. Impulskontrolle ist nämlich keine feste Eigenschaft. Sie verändert sich – von Tag zu Tag und manchmal sogar von Minute zu Minute.
Ein spannendes Beispiel dafür liefert der berühmte Marshmallow-Test. Ein Kind sitzt an einem Tisch. Vor ihm liegt ein Marshmallow. Es darf ihn sofort essen. Wartet es jedoch ein paar Minuten länger, bis der Erwachsene wiederkommt, erhält es einen zweiten dazu. Klingt eigentlich ganz einfach, oder?
Doch jetzt stell dir vor, du bist müde. Es ist sehr warm im Zimmer. Dein Kopf ist voller Gedanken. Dein Magen knurrt und du musstest bereits am Morgen schon unzählige Entscheidungen treffen. Plötzlich fühlt sich diese kleine Aufgabe gar nicht mehr so leicht an.
Nicht allein die Willenskraft entschied darüber, ob ein Kind warten konnte, sondern vor allem die Voraussetzungen, die es mitbrachte.
Dasselbe gilt auch für unsere Hunde: Ein ausgeruhter Hund, dessen Nervensystem nicht ständig auf Alarm steht, kann häufig viel leichter innehalten als ein Hund, der bereits seit Stunden oder sogar Tagen unter Anspannung steht. Wenn also die Voraussetzungen darüber entscheiden, wie viel Selbstregulation überhaupt möglich ist, dann sollten wir uns vielleicht auch anschauen, wodurch diese im Alltag beeinflusst werden.
Denn genau hier begegnet uns etwas, das häufig unterschätzt wird...
Wenn Ruhe trügt
Also liegt es nahe, unseren Hund immer wieder solchen Situationen auszusetzen – in der Hoffnung, dass er lernt, ruhig und gelassen damit umzugehen. Dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden. Positives Lernen kann jedoch nur dort stattfinden, wo der Hund den Reiz noch verarbeiten und entsprechend einsortieren kann. Er bleibt ansprechbar, kann Entscheidungen treffen und sammelt die Erfahrung: „Das schaffe ich.“
Übersteigt eine Situation die Bewältigungsmöglichkeiten unseres Hundes, lernt er nicht mehr – er hält nur noch aus. In der Verhaltenstherapie bezeichnet man ein solches Vorgehen als Flooding. Dabei wird angstauslösender Reiz so lange oder so intensiv präsentiert, bis das sichtbare Verhalten nachlässt oder schließlich ganz ausbleibt. Der Mensch entscheidet sich bewusst für eine solche Therapie, wird professionell begleitet und kann sie jederzeit abbrechen.
Dieser Begriff wurde später einfach ins Hundetraining übernommen. Das Problem dabei: Im Mittelpunkt steht häufig nur die Veränderung des sichtbaren Verhaltens. Ob die Angst, der Stress oder die Unsicherheit im Inneren tatsächlich verschwunden sind, spielt dabei zunächst keine Rolle. Und unsere Hunde haben meist keine Wahl. Sie können nicht einfach sagen: „Das ist mir jetzt zu viel.“ Sie erleben die Situation so lange, bis wir sie verändern oder beenden.
Genau deshalb bedeutet äußere Ruhe nicht automatisch innere Gelassenheit.
Ein Verhalten kann verschwinden – das dahinterliegende Erleben muss es nicht.
Viel häufiger beginnt es ganz leise.
Nicht durch einen einzigen überwältigenden Reiz, sondern durch die Summe vieler kleiner. Sie sammeln sich Stunde für Stunde und Tag für Tag an, ohne dass das Nervensystem ausreichend Zeit bekommt, sie zu verarbeiten. Morgens zwei Hundebegegnungen. Danach eine Katze am Wegesrand. Mittags Besuch. Nachmittags eine neue Gassirunde. Ein Jogger. Ein Scooterfahrer. Am Abend noch eine Spielrunde mit dem Hundekumpel.
Jeder einzelne Reiz klopft beim Pförtner an die Tür. Für sich genommen wären sie meist kein Problem. Doch zusammen können sie dazu führen, dass das Nervensystem kaum noch Zeit zum Verarbeiten bekommt.
Und plötzlich reagiert unser Hund auf eine Kleinigkeit, die gestern noch völlig problemlos war. War wirklich dieser letzte Reiz das Problem? Oder war er nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?
Erinnerst du dich noch an deine verschüttete Kaffeetasse? 😉
Unser Ziel sollte deshalb nie sein, dass unser Hund einfach nur äußerlich ruhig wird. Viel wichtiger ist, dass sein Nervensystem immer wieder die Chance bekommt, herunterzufahren und das Erlebte zu verarbeiten. Denn jede Erfahrung hinterlässt Spuren. Welche das sind, zeigt sich oft erst in der nächsten ähnlichen Situation. Und genau dort beginnt die Frage, die uns als Hundehalter am meisten interessiert:
Was können wir tun, damit unser Hund möglichst gute Erfahrungen mitnimmt?
Was unser Hund wirklich braucht
Und dabei können wir ihn im Alltag unterstützen:
Vor allem junge, unsichere oder sehr aufgeregte Hunde können ihr inneres Gleichgewicht noch nicht immer alleine wiederfinden. Deshalb brauchen sie jemanden, der ihnen dabei hilft. Da unsere Hunde uns ohnehin ständig beobachten, dürfen wir uns genau das zunutze machen.
Sie orientieren sich nicht nur an unserer Stimme oder Körpersprache, sondern auch an unserem Atem, unserer Muskelspannung, unserem Bewegungsrhythmus und unserer inneren Haltung. Sind wir ruhig und gelassen, fällt es häufig auch ihnen leichter, wieder zur Ruhe zu finden. Dieses gegenseitige Beeinflussen nennt man Co-Regulation. Unsere Nervensysteme stehen dabei in ständigem Austausch.
Ruhe ist ansteckend – genauso wie Hektik.
Dabei sollten wir uns immer wieder einmal selbst fragen: Wer steckt hier eigentlich wen an? Ist mein Hund gerade aufgeregt, weil ich ruhig bin? Eher unwahrscheinlich. Oder bin ich vielleicht schon innerlich im Ausnahmezustand, bevor mein Hund überhaupt gemerkt hat, dass da vorne ein anderer Hund läuft? 😉
Für unsere Hunde sind wir weit mehr als nur Trainer. Wir sind ihr Orientierungspunkt. Deshalb sollten wir Gelassenheit nicht einfordern, sondern vorleben. Denn unsere Hunde hören nicht nur auf das, was wir sagen. Sie beobachten vor allem, wie wir es sagen – und manchmal sogar, bevor wir selbst merken, wie angespannt wir gerade sind.
Manchmal reicht dazu schon ein kurzer Moment des Innehaltens. Ein ruhiger Atemzug. Einmal gut durchschütteln. Eine weichere Stimme. Denn wenn wir selbst wieder zur Ruhe finden, helfen wir auch unserem Hund wieder aus dem Alarmmodus herauszufinden.
Manchmal hilft Reden alleine nicht. Auch Signale oder Leckerchen erreichen unseren Hund in diesem Moment kaum noch. Dann führt der Weg zurück ins Denken nicht über Worte, sondern über den Körper.
Ich nehme Fin in solchen Situationen gerne zwischen meine Beine und massiere ihn mit ruhigen, festen Bewegungen über Nacken, Schultern, Rücken, Brustkorb usw. Kein hektisches Streicheln, sondern bewusstes Durchkneten der gesamten Muskulatur.
Warum das helfen kann? Ruhige, bewusste Berührungen können unserem Hund helfen, sich selbst wieder besser zu spüren. Muskeln, Gelenke und Haut senden dabei ununterbrochen Informationen an das Gehirn. Gleichzeitig lösen sich häufig Verspannungen, die Atmung wird ruhiger und der Körper findet Schritt für Schritt zurück ins Hier und Jetzt.
Viele Hunde lernen hervorragend, sich aufzuregen. Viel seltener jedoch, danach auch wieder herunterzufahren. Genau dabei können wir ihnen helfen. Eine meiner Lieblingsübungen dafür ist das 30–180–30-Spiel. Dahinter steckt die Idee, dass sich der Puls ganz bewusst erhöhen und anschließend wieder senken darf – zum Beispiel durch ein kurzes gemeinsames Zerrspiel, auf das eine ebenso bewusste Phase der Ruhe folgt.
Unser Hund erlebt dabei, dass Erregung nichts Schlechtes ist. Sie darf kommen – und sie darf auch wieder gehen. Genau dieses bewusste Hoch- und Runterregulieren ist eine der wichtigsten Fähigkeiten eines gut regulierten Nervensystems.
Frustration gehört zum Leben dazu. Entscheidend ist nicht, ob unser Hund sie erlebt, sondern wie viel er gerade gut verarbeiten kann. Kleine Momente des Wartens – vor der Futterschüssel, vor der Haustür oder bevor die Leine gelöst wird – können dabei helfen. Nicht als Prüfung oder Machtdemonstration, sondern als Erfahrung:
„Ich muss nicht alles sofort bekommen. Ich kann warten – und trotzdem komme ich ans Ziel.“
All diese Übungen verfolgen im Grunde dasselbe:
Nicht einen Hund zu formen, der einfach ruhig ist und keine Gefühle mehr zeigt, sondern einen Hund zu begleiten, der trotz seiner Gefühle immer wieder häufiger gute Entscheidungen treffen kann.
Was am Ende wirklich zählt
Vielleicht waren wir uns in diesem Augenblick ähnlicher, als uns beiden bewusst war.
Je länger ich Hunde begleite, desto mehr glaube ich, dass es gar nicht darum geht, ihnen immer mehr Impulskontrolle beizubringen, sondern es geht vielmehr darum, diesen kleinen Raum zwischen Reiz und Reaktion Stück für Stück wachsen zu lassen. Den Raum, in dem Vertrauen größer werden darf als Angst. Den Raum, in dem unser Hund nicht mehr nur reagieren muss, sondern wieder wählen kann. Und den Raum, in dem unsere Verbindung stärker wird als der Reiz.
Früher habe ich nur das Verhalten gesehen. Heute sehe ich die Geschichte dahinter.
Für mich sind jene kleinen Momente am kostbarsten, in denen Fin nach einer Aufregung wieder zu mir zurückfindet. Nicht, weil dann alles perfekt läuft, sondern weil ich weiß, dass sein Gehirn in diesem Augenblick wieder die Möglichkeit hat, bewusst zu entscheiden.
Gefühle, Impulse und Reize gehören zum Leben – bei unseren Hunden genauso wie bei uns. Viel wichtiger ist, dass unsere Hunde erleben dürfen:
„Ich schaffe das und muss da nicht alleine durch.“
Vielleicht ist genau das die schönste Form von Impulskontrolle. Nicht, keine Gefühle mehr zu haben, sondern immer wieder den Weg zurückzufinden.
Zurück ins Denken. Zurück zu sich selbst. Und zurück zu dem Menschen, der einen versteht.
Eine Hundetrainerin, die jeden Tag versucht, Hunde und Menschen ein Stück besser zu verstehen – und ein Labrador, der ihr immer wieder zeigt, dass gutes Hundetraining nichts mit Kontrolle zu tun hat, sondern mit Verständnis, Vertrauen und Sicherheit.
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Sigrid Fitzinger
