Eine Geschichte über Angst, Erstarrung und Mut
Manchmal zeigt uns das Leben genau in dem Moment etwas Wichtiges, in dem wir glauben, alles unter Kontrolle zu haben. Und manchmal braucht es nur einen einzigen Augenblick, um zu erkennen, wie sensibel unser inneres Gleichgewicht wirklich ist.
Wiedereinmal ein Training, das etwas Anders verlief als geplant
Es war einer dieser Tage, an denen das Leben einem leise zuflüstert: „Schau hin. Hier wartet eine wichtige Erkenntnis.“
Der Start war ganz normal: drei Teams, vier Hunde, unsere Trainerin, ein paar Signale, Tempo- und Richtungswechsel. Leichtigkeit. Routine. Alles im Fluss.
Bis wir zur letzten Übung kamen.
Der Moment, in dem mein innerer Kompass zu zittern begann
„Warum werfe nicht einfach auf die freie Seite hinter mir?“
Ich hätte mich nur umdrehen müssen. - Ein winziger Schritt, eine kleine Entscheidung – und alles wäre anders gewesen. Doch ich tat es nicht. „Apport!“, sagte ich – und Fin startete wie ein kleiner gelber Blitz lief zum Dummy, hob es auf … und dann blieb er stehen. Ganz plötzlich.
Sein Blick hing an der Hundegruppe – ein Zögern, ein Innehalten und genau in diesem Moment verlor mein innerer Kompass die Richtung. Nur dieses feine Zittern der Nadel, wenn sich etwas im Inneren kurz nicht einordnen lässt. Ein Moment, in dem Körper und Seele sagen:
„Warte. Das ist gerade zu viel.“
Doch diesmal war da nur Stille und ich versteinerte.
Die alten Emotionen meldeten sich:
Wut darüber, nicht auf mein Bauchgefühl gehört zu haben.
Angst, dass etwas schiefgeht.
Die Befürchtung, zu versagen.
Der Gedanke, nicht genug zu sein.
Und in diesem kurzen, lahmgelegten Moment geschah das, was ich vermeiden wollte: Fin sprang fröhlich in die Hundegruppe und ein Durcheinander aus Bellen, Stimmen, Bewegung entstand.
Doch in dieses Chaos hinein ertönte die ruhige Stimme unserer Trainerin:
„Lasst die Leinen los.“
Wir atmeten beide tief durch. Nein, ich glaube alle am Hundeplatz atmeten tief durch 😉
Und wie gings dann weiter? Beim zweiten Versuch warf ich das Dummy einfach auf die freie Seite, wie es mir mein Bauchgefühl bereits einmal gesagt hatte und mein Goldjunge brachte es zurück, leicht und selbstverständlich. Als wäre nie etwas gewesen...
Zwischen Reiz und Reaktion
Viktor Frankl schrieb: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.“
Dieser Raum ist kostbar, denn es ist der Raum, in dem wir entscheiden und wählen können. Es ist der Raum, in dem wir uns selbst begegnen.
Manchmal verschließt die Angst die Tür zu diesem Raum. Nicht, weil sie uns sabotieren möchte – sondern weil sie uns beschützen will. Sie erinnert an alte Wunden und alte Unsicherheiten.
An Scham. An das Gefühl, zu fallen. An einen Schmerz von früher.
Doch wir dürfen ihr sagen: „Danke. Ich bin in Sicherheit.“ Und die Tür öffnet sich wieder, denn der Raum kehrt immer zurück, sobald unser innerer Kompass sich beruhigt.
Erstarrung ist kein Versagen
Der Tag mit Fin hat mich daran erinnert: Erstarrung ist ein Schutzmechanismus. Ein liebevoller Stopp des Nervensystems:
„Warte - Ich brauche einen Moment.“
Einfrieren bedeutet nicht:
❌ dass du versagst
❌ dass du falsch bist
❌ dass du schwach bist
❌ dass du „nicht gut genug“ bist
Es bedeutet vielmehr:
✔ dein Körper versucht gerade, dich zu schützen und
✔ du brauchst einen Moment zum Durchatmen 😉
Und das ist vollkommen okay.
Ein Schritt nach dem Anderen
Wenn du merkst, dass alles in dir still wird, dann komm in deinen Körper zurück: Fühle den Boden. Bewege deine Hände. Atme tief.
Sag dir: „Ich bin sicher. Ich darf hier sein.“
Und dann mach einen kleinen Schritt. Nur einen. Bewusst. Sanft und nur für dich.
So wie ich das Dummy beim zweiten Mal einfach anders geworfen habe. Es war ein kleiner Schritt – aber er hat alles verändert.
Feiere dich für jeden dieser Schritte. Nicht, weil immer alles perfekt läuft, sondern:
Weil du da bist. Weil du lernst. Weil du es fühlst. Weil du gerade wächst.
Vertrauen entsteht in kleinen Momenten
Vielleicht gibt es auch in deinem Leben Situationen, in denen du das Gefühl hast, festzustecken. In denen dein innerer Kompass zittert und du nicht weißt, wohin du gehen sollst.
Doch selbst dann bewegt sich das Leben weiter – leise, unter der Oberfläche, denn etwas wächst in dir: Vertrauen. Mut. Klarheit.
Nicht plötzlich, sondern in kleinen Etappen. Durch Hinsehen. Durch Mitgefühl. Durch bewusstes Inne halten und kleine Schritte nach vorn.
Und auch die Angst darf bleiben, bis sie weicher wird. Sie verliert ihre Macht, wenn du sie nicht bekämpfst.
Fehler und die Emotionen
Fehler sind keine Rückschritte oder Abgründe, sondern vielmehr Wegweiser. Denn sie zeigen uns, wohin unser innerer Kompass als Nächstes ausschlagen möchte. Wenn du stolperst, sei freundlich zu dir. Nimm alles an, was da ist – das Schwere und das Leichte.
Erst dann verwandelt sich Härte in Weichheit. Erst dann entsteht innerer Frieden.
Auch die negativen Emotionen gehören zum Leben, wie auch Freude, Mut, Liebe und Leichtigkeit. Erst wenn du all das annehmen kannst, entsteht wahres Vertrauen. Dann verwandelt sich Härte in Weichheit. Und aus Selbstkritik wird Mitgefühl.
Vielleicht ist genau das dein Weg:
Immer wieder weich zu werden. Immer wieder zu dir zurückzukehren. Immer wieder deinen Kompass neu auszurichten.
Wenn dein Kompass das nächste mal zittert, erinnere dich:
Und wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, innerlich zu erstarren, dann erinnere dich:
„Ich darf mich bewegen. Ich darf etwas verändern. Ich darf neu wählen.“
Denn das Leben meint es gut mit dir – auch dann, wenn du es gerade nicht sehen kannst. Es begleitet dich in jeder Lektion, jedem Stolpern, jedem Atemzug.
Und während du lernst, wieder weich zu werden, lernt das Leben, durch dich hindurch zu fließen – mit Liebe, Geduld und einer Weisheit, die immer für dich arbeitet. 🌿✨
Meine Wünsche für all jene, deren Kompass manchmal zittert
Für die Momente, in denen du glaubst, stehenzubleiben, und für die unbemerkten Kräfte in dir, die dich trotzdem weitertragen.
Für das leise Zittern, das Mut bedeutet.
Für das Einfrieren, das keine Schwäche ist, sondern ein Atemzug der Seele.
Möge jeder deiner Schritte – ob groß oder klein – dich zurück zu dir selbst führen.
Möge jede Unsicherheit zur Einladung werden, sanfter zu dir zu sein.
Und mögest du in den Momenten, in denen du dich verlierst, immer wieder deine eigene Richtung finden.
Sigrid und der kleiner Zenmeister Fin
(der mich täglich an die Weisheit der kleinen Schritte und an die Kunst des Gelassenbleibens erinnert)
(Bildquellen: Fotos by Sigrid Fitzinger, Pixelnasen und Chat GPT)
