„Der Tag, an dem der Sturm in mir tobte“

und ich lernte, dem Wind zu vertrauen, der meine Flügel trägt ;-)​
Manchmal gibt es diese Tage, an denen der Sturm in uns tobt – ein Wildwuchs aus Ängsten, Frustrationen und Wut, die sich wie ein unaufhaltsames Unwetter in uns aufbauen. Es fühlt sich an, als würde alles, was uns wichtig ist, von einem Orkan mitgerissen – unsere Geduld, unser Vertrauen, vielleicht sogar unsere Hoffnung. In solchen Momenten, in denen die Wut aufsteigt und uns fast zu zerreißen droht, sind wir versucht, uns gegen den Wind zu stellen, uns zu wehren, uns zu halten – festzuhalten an dem, was wir glauben zu kontrollieren.

Doch was, wenn genau dieser Widerstand das ist, was uns die Flügel nimmt, die uns in den nächsten Schritt tragen könnten? Was, wenn wir lernen, den Wind nicht als Bedrohung, sondern als Verbündeten zu sehen? Denn der wahre Akt des Wachsens liegt nicht im Festhalten, sondern im Loslassen – dem Loslassen der aufsteigenden Wut, die uns in die Verzweiflung zu führen droht.
Es ist der Moment, in dem wir uns erlauben, die Wut einfach zu fühlen, sie zu spüren und sie dann, ohne Urteil, loszulassen.
Gestern war so ein Tag, an dem ich – im Angesicht des Sturms in mir – die Erkenntnis hatte, dass der Wind, der mich niederzudrücken schien, auch derjenige war, der mich emporheben würde. Es war der Moment, in dem ich verstand, dass das Leben selbst, mit all seiner Unvorhersehbarkeit und seinem chaotischen Fluss, uns nicht nur herausfordert, sondern auch die Stärke in uns entfaltet. Wenn wir lernen, uns dem Wind zu überlassen – ihm zu vertrauen und loszulassen –, können wir uns mit einer Kraft verbinden, die uns weit über das hinausführt, was wir je für möglich gehalten hätten.
Es war ein Tag voller Turbulenzen, der mich letztlich nicht nur zu meiner eigenen Verwundbarkeit führte, sondern auch zu einem neuen tiefen Vertrauen in mich selbst
Der Sturm zieht auf
Ich hatte einen Tellington Führparcours-Workshop gebucht, und für alle, die nicht wissen, was das bedeutet: Der Führparcours ist ein Element der von Linda Tellington Jones entwickelten Trainingsmethode, die auf Körperbewusstsein und einer vertrauensvollen Verbindung zwischen Hund und Mensch basiert. Es geht nicht um das Locken mit Leckerchen oder Belohnungen, sondern um die achtsame Führung zwischen zwei Individuen. Klingt einfach, oder? Zumindest dachte ich bis dahin, dass ich das gut hinbekomme könnte...

Doch schon als wir den Hundeplatz erreichten, wusste ich, dass dieser Tag alles andere als einfach werden würde. Fin, mein 14 Monate alter Hund, lag brav auf seiner Decke und beobachtete die ankommenden Teams. Ich war stolz auf ihn – er blieb ruhig, konzentriert und beobachtete alles um sich herum mit seinen neugierigen Augen. Aber ich?
Ich war innerlich alles andere als ruhig.
Der Moment der Ablenkung und der Verlust unseres Fokus
Die erste Überraschung: Neben uns war eine junge Schäferhündin, die Fin sichtlich faszinierte. Und ich merkte, wie sich meine Gedanken immer wieder auf diese Hündin konzentrierten. Plötzlich wurde ich mir bewusst, wie sehr auch ich mich von dieser neuen Situation ablenken ließ.

Der erste Moment des „Verlustes“ – der Moment, als ich merkte, ...
...dass ich den Fokus verlor und keine Kontrolle mehr hatte
Die Überforderung wächst
Die Trainerin begann den Workshop, erklärte den Parcours und die Prinzipien des Trainings. Das waren keine einfachen Übungen. Slalom, Labyrinthe, verschiedene Untergründe, Reifen, Fächer – der Parcours war ein ganzes Feld von Herausforderungen, das uns fordern sollte. Und dann kamen ihre Worte: „Und das alles wird ohne Leckerchen gemacht…“ In diesem Moment rutschte mir das Herz in die Hose. Wie sollte ich das nur schaffen?
Zu viel Bewegung, zu schnell, zu duftend, zu laut. Es war mir/ uns einfach alles zu viel.
Der Moment der Panik – Frustration und Wut steigen auf
Der Moment der Panik war da. Ich saß auf meiner Decke, inmitten all dieser Eindrücke, und versuchte, ruhig zu bleiben. Doch innerlich spürte ich, wie die Wellen von Unsicherheit und Frustration mich erdrückten. Ich versuchte, meine Panik zu verbergen, wollte nicht auffallen. Doch genau in diesem Moment, ...
...begann die Spirale der Überforderung, die alles mit sich riss.
Der Punkt der völligen Überforderung – Alles bricht zusammen
Als die Trainerin uns dann bat, die einzelnen Parcours zu erkunden, dachte ich: „Welche Reihenfolge? Wer geht auf welchen Parcours? Gibt es eine Struktur?“ Aber nein. Es gab keine Struktur. Jeder sollte den Parcours nach seinem Tempo und Bedürfnis erkunden. Aber was war unser Tempo? Was war das richtige Tempo für uns?

Mit Fin ging ich zum ersten Parcours. Die Schäferhündin war auf dem Parcours nebenan, und Fin war nur noch damit beschäftigt, ihr nachzuschnüffeln. Ich versuchte, mich zu fokussieren, doch meine Gedanken drifteten ständig ab. Ich merkte, wie ich immer mehr den Kontakt zu Fin verlor. Die Leine war gespannt, Fin zog, schnüffelte und schien mich völlig zu ignorieren. Je mehr ich versuchte, desto frustrierter wurde ich. Keine Kontrolle, keine Führung.
Die Entäuschung und die Wut in mir wurden immer größer
Der Moment der Erkenntnis und was mich wirklich blockierte
Nach einigen Minuten entschloss ich mich, den Parcours zu wechseln. Ich wollte einfach nur, dass es endlich klappt. Doch als eine andere Teilnehmerin mit ihrem pubertierenden Hund an uns vorbeilief, brach wieder alles zusammen. Fin starrte in die Richtung des Junghundes, schnüffelte wie wild am Boden und ich verlor erneut den Fokus. Also floh ich weiter zum nächsten Parcours, doch auch hier – immer mehr Herausforderungen und Ablenkungen.
Vom Regen in die Traufe…
Die Wut wird zu Frustration – Was kann ich noch tun?
Ich hörte die Trainerin immer wieder ermutigend aus der Ferne rufen: „Das klappt doch schon gut! Versuch mal dies oder das …“ - Doch nichts davon kam bei mir an. Ich war bereits zu erschöpft, zu wütend, zu überfordert - um noch irgend etwas davon aufzunehmen oder zu verändern. Und dann kam die Erlösung - die Pause, meine rettende Auszeit.
Ich flüchtete zurück auf die Decke und versuchte meine Gedanken zu ordnen
Die erste schmerzhafte Erkenntnis
Die Trainerin kam zu mir und fragte, was los sei. Ich versuchte, es in Worte zu fassen, aber der Frust war zu groß. Ich fühlte mich einfach nur schlecht. Sie wollte mir helfen, also bot sie mir an, Fin zu führen und es mir und den anderen vorzuzeigen.

Was dann passierte, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht: Fin ging mit ihr mit, hörte auf sie – er zog nicht, er schnüffelte nicht, er konzentrierte sich völlig auf sie. Es war der Moment, in dem mir klar wurde:

Ich war es, die Fin von mir ablenkte. Ich war es, die den Fokus verlor. Ich war es, die ihn nicht führen konnte.
"Was mache ich hier eigentlich?"
Der Regen und das "scheinbare" Ende
Nach der Vorführung trat die Trainerin zu mir um mir Fin wieder zu bringen. Ihre Stimme war sanft und einfühlsam. Sie sagte, dass es vollkommen in Ordnung sei, wenn nicht alles sofort funktioniert und dass eine wahre Verbindung – besonders ohne Leckerlies – ihre Zeit braucht.

Und genau in diesem Augenblick begann es zu regnen. Vielleicht war es ein Zufall, vielleicht auch nicht. Aber für mich fühlte es sich an, als ob der Himmel meine innere Erschöpfung widerspiegelte.

Ich war völlig am Ende, körperlich und emotional. Der Workshop war für mich in diesem Moment zu Ende. Ich half noch beim Aufräumen, bezahlte und verließ den Hundeplatz, ohne mich umzudrehen.
Ohne großes Happy End oder einer versöhnlichen Szene - oder etwa doch?
Der wahre Abschluss dieser Heldenreise – Meine Tränen und die Erkenntnis des Selbstwerts
Auf dem Weg nach Hause brachen die Tränen, die sich in den letzten Wochen angestaut hatten, endlich heraus und just in diesem Moment brach auch der Himmel auf und ein warmer Sonnenstrahl traf mein Gesicht. Da wusste ich:
Ich hatte zwar nicht alles richtig gemacht, aber ich war okay.
Eine liebevolle Erinnerung – Du darfst sein, wie du bist
Als ich einer Freundin von meinem Erlebnis im Workshop erzählte, brach sie in ein herzliches Lachen aus und sagte: „Ach Sigrid, du bist auch nur ein Mensch und keine Maschine! Du darfst Fehler machen, musst nicht immer perfekt funktionieren und du darfst deine Emotionen (er)leben – auch solche wie Ärger, Angst und Wut. Du bist wundervoll und vollkommen, nicht weil du tust, was du tust (da ist er wieder, der Leistungsgedanke meines Egos!), ...
... sondern weil du einfach genau so bist, wie du bist.“
Wir sind immer wertvoll, auch wenn etwas nicht „funktioniert“
In diesem Moment der Verletzlichkeit und des ‚Nicht-Funktionierens‘, wurde mir klar, dass es gar nicht nötig ist, immer perfekt zu sein oder immer alles im Griff zu haben.

Ich darf meine Wut, meine Angst und meinen Frust fühlen, sie alle zu lassen, ohne mich dafür zu verurteilen. Alle diese Emotionen haben ihre Berechtigung und wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben, darf ich ihnen mit Liebe und Verständnis begegnen und sie wieder sanft verabschieden.
Und genau in dem Moment fühlte ich die wahre Befreiung.
Was ich noch erkannte
Fin ist jetzt gerade mal 14 Monate alt! Daran versuche ich mich immer wieder zu erinnern. Ich kann nicht von ihm erwarten (und das will ich auch gar nicht!), dass er wie ein emotionsloser Soldat funktioniert. Auch er darf in seiner Entwicklung noch wachsen.

An diesem Tag hatten wir beide unser Bestes gegeben – mehr war für uns beide einfach nicht möglich. Es wird aber auch wieder andere geben. Tage, an denen wir einen Schritt weiter sind.
Schritt für Schritt werden wir wachsen, gemeinsam.
Der pure Geschmack des Lebens
Vielleicht liegt der wahre Sinn des Lebens genau darin zu erkennen, dass es nicht immer ein Zuckerlecken ist, sondern manchmal eben auch, wie ein Biss in eine saure Zitrone.
intensiv, unverfälscht und lebendig.
Und seien wir mal ehrlich, sind es nicht genau diese Momente, in denen wir uns an den Herausforderungen reiben, die uns für später formen und lehren, was wirklich zählt?

Das, was was ich an diesem Tag erlebte, hat mich auf eine besondere Art und Weise bereichert, denn ich hätte mich niemals so intensiv mit meinen Gefühlen "Wut, Angst und Ärger" auseinandergesetzt, wenn „einfach“ alles glatt gelaufen wäre.

Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass wahres Wachstum oft aus den tiefsten und dunkelsten Momenten entsteht, in denen wir eben nicht perfekt, sondern „echt“ sind.

Sigrid & der Mini-Prof Fin 💖
In Dankbarkeit für diese unglaubliche Reise zu mir selbst

2 Gedanken zu „„Der Tag, an dem der Sturm in mir tobte““

  1. Genau darum bist du eine der besten Trainerinnen liebe Sigrid! Du bist ehrlich und echt, dass spürt man. Du zeigst, dass auch wenn alles schief läuft, man daraus lernen kann und somit doch wieder Mehrwert bringt!
    Wir alle leben zum ersten Mal , Mensch und Fellnase ❤️

  2. Danke, dass du uns teilhaben lässt 🙏 genau deshalb bist du die beste Trainerin ever 🐕🤗
    Ganz liebe Grüße, Karin mit Ben 💕

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